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Der Canal du Midi: Eine Geschichte der besonderen Art

Die Verbundenheit zwischen der Stadt Carcassonne und dem Canal du Midi blickt auf eine lange Geschichte voller Schicksalswendungen zurück.

 

Die Entwicklung dieser Verbundenheit ist von drei zeitlichen Abschnitten geprägt.

Die Weigerung der Stadt, sich am Kanalbau zu beteiligen

Nach dem ursprünglichen Verlauf sollte der Kanal in größerer Entfernung an der Stadt CARCASSONNE vorbeiführen, und zwar aus topographischen Gründen: Die ersten Entwürfe von Paul RIQUET zielten darauf ab, das Flussbett des Fresquel zu kanalisieren. Diese Lösung wurde jedoch wegen der damit verbundenen Nachteile aufgegeben und der Bau eines Kanals quer über Land beschlossen. Er sollte jedoch abseits der Stadt verlaufen. Im Jahre 1670 wurden Verhandlungen zwischen Riquet und dem Richter Mage aus CARCASSONNE aufgenommen. Da jedoch die Aushubarbeiten, die erforderlich waren, um den Kanal bis zur Stadt weiterzubauen, eine Verlängerung der Trasse um 2 km voraussetzten, sah sich Riquet veranlasst, von der Stadtverwaltung von Carcassonne eine Beteiligung in Höhe von 100.000 Livres zu verlangen. Die Höhe dieser Summe im Verhältnis zur Bedeutung, die dem Kanal von den Stadtvätern beigemessen wurde, trug schließlich zum Scheitern des Projekts bei. Infolge dieser Ablehnung führte der Canal du Midi bei seiner Fertigstellung im Jahre 1681 in 2 km Entfernung an Carcassonne vorbei.

 

Das Einsehen der Fehleinschätzung und die Überzeugung der Stadtväter für einen neuen Kanalverlauf

Die Entfernung des Kanals zur Stadt wurde schon bald als Fehlentscheidung und als Hindernis für den Handel von Carcassonne gesehen, und es wurde seine Auswirkung auf die Entwicklung der städtischen Wirtschaft im Hinblick auf den Nutzen erkannt, den die Stadt Castelnaudary aus ihm zog. Es wurden nun mehrere Projekte in Betracht gezogen, um diese Situation zu ändern.

Eine Anbindung der Stadt an den Canal du Midi durch einen Seitenkanal wurde 1686 von Vauban vorgeschlagen. Dieser Vorschlag, der zwischen 1750 und 1754 von Louis Pellissier, einem Ingenieur der Stadt, wieder aufgegriffen wurde, mündete in ersten Bauarbeiten. Dann jedoch führten die Probleme, die bei der Kreuzung des Fresquel und des bestehenden Kanals auftraten und deren Bewältigung sich als schwierig erwies, dazu, dass ein neuer Verlauf geplant wurde.

Die Stadt Carcassonne nutzte diese Gelegenheit, um die Umleitung des Kanals unterhalb der Stadtmauern vorzuschlagen.

 

Am 9. Februar 1786 stimmten die Landstände des Languedoc dem Projekt zu.

Die Bauarbeiten begannen 1787 und kamen aufgrund von Schwierigkeiten jeder Art und vor allem aufgrund der technischen Probleme nur sehr langsam voran. Der Kanal und die damit verbundenen Kunstbauten – das Hafenbecken sowie die Brücken Pont Marengo, Pont de la Paix und Pont d’Iéna wurden 1810 fertig gestellt und am 31. Mai desselben Jahres eingeweiht.

Der Hafen profitiert von der Umgestaltung der Stadt

Im Jahre 1810, bei der Inbetriebnahme des Kanals, ist die Auffüllung der Ringgräben abgeschlossen; in diesem Zusammenhang werden mit Bäumen bepflanzte Boulevards angelegt, die die Bastide umgeben.

Von diesem Zeitpunkt an bestehen zwischen dem Kanal in seiner gegenwärtigen Gestalt und der Stadt unterschiedliche Beziehungen je nach den verschiedenen Abschnitten. Der flussaufwärts liegende Teil, der als Durchstich angelegt wurde, sollte große Auswirkungen auf die Landschaft haben, doch unter Berücksichtigung des Höhenunterschieds (über 7 m) sollte er zu keinen tief greifenden Veränderungen des Geländes zwischen Kanal und Bastide führen.

Im Hafenbereich dagegen werden mehrere aufeinander folgende Bauarbeiten vorgenommen. Dabei lassen sich drei Hauptphasen unterscheiden.

 

Erste Phase: 1812 - Ein Städtebauprojekt in Verbindung mit dem Hafen

Das Gelände zwischen dem Hafen und der Grenze der Bastide Saint-Louis wird nun zum Gegenstand eines ehrgeizigen Stadterweiterungsprojekts, das durch den Kanal angestoßen wird.

Ziel des Projekts ist es, die Verlängerung der Straßen Rue Albert Tomey und Rue d'Armagnac zu organisieren; sie umrahmen einen öffentlichen Platz, der von zwei zwischen dem Hafenkai und dem Boulevard angelegten Häuserblocks gesäumt wird.

Dieser Vorschlag setzt sich auf der Seite der Bastide Saint-Louis fort: durch das Anlegen von Häuserblocks zwischen der Begrenzung durch die ehemalige Stadtmauer und dem Boulevard, und durch einen Gebäudekomplex, der mit dem Betrieb des Kanals (Lagerhäuser und Wohnungen) auf der anderen Seite des Hafenbeckens in Verbindung steht.

Dieses Projekt:

  • steht ganz in der Tradition der Behandlung des Kanals, indem es das Hafenbecken aufwertet und eine großzügige Anlage öffentlicher Flächen damit verbindet,
  • veranschaulicht das Bemühen um eine gelungene Verbindung zwischen Kanal und Bastide Saint-Louis, indem es die beiden Einheiten durch eine städtebauliche Neugestaltung dieses Gebiets integriert.

 

Zweite Phase: 1814 - 1855 - Die Verwirklichung der Anbindung Hafen – Bastide Saint-Louis

Der Plan von 1812 bleibt nur ein Projekt. Einige der darin angedeuteten Grundsätze werden jedoch später teilweise verwirklicht.

Die Gestaltung dieses Gebiets erfolgt in mehreren Bauabschnitten:

  • Der Aufbau einer Stadtfassade, an der Fluchtlinie des Boulevards, durch das Anlegen von Häuserblocks, die in Weiterführung des Rasters der Bastide angeordnet werden. Diese Anordnung bestätigt den Bruch mit der Logik der baumbepflanzten Promenade, die auf den ehemaligen Festungsgräben angelegt und auf den anderen Seiten der Bastide weiterentwickelt wurde.
  • Die Aufstellung von Folgeprojekten mit dem Ziel, der Fläche zwischen Boulevard und Hafenbecken ein Statut zu geben: Ein erstes Projekt im Jahre 1814, das sich ganz in der Linie des Projekts von 1812 bewegt, schlägt einen zentralen Platz vor, den eine Säule ziert und der von zwei Häuserblocks flankiert wird; zwischen 1821 und 1828 wird das Projekt des Platzes in einer neuen Version umgesetzt, mit einer Säule mit zwei Brunnen. Ab 1830 werden schließlich die Städteplanungsprojekte auf dieser Fläche aufgegeben; stattdessen soll eine Promenadenanlage am Kanal entlang angelegt werden, die den Zugang zum Hafenbecken über zwei Treppenreihen ermöglicht.
  • Der Bau eines Gebäudekomplexes im Zusammenhang mit dem Betrieb des Kanals. Die chronologische Reihenfolge des Baus dieser Gebäude lässt sich relativ schwierig rekonstruieren, wenn man den Zustand der Archive, nicht datierte Baupläne oder seinerzeit vorgenommene Ergänzungen berücksichtigt. Einige Anhaltspunkte ermöglichen es jedoch, die Entwicklung des Standorts in groben Zügen darzustellen.

Ein Wohnungsbauprojekt schlägt einen Aufbau vor, der an einem einstöckigen Zentralgebäude ausgerichtet ist, begleitet von zwei symmetrischen Parterregebäuden, die mit dem Zentralgebäude durch eine niedrige, von Gittern gekrönte Mauer verbunden sind, durch die zwei zum Kanal hin geöffnete Grundstücke abgegrenzt werden und die über zwei von Pfeilern eingerahmte Durchgänge zugänglich sind.

Eine Ansicht von 1850 und ein auf das Jahr 1854 datierter Bauplan nehmen auf den Bau der beiden Parterregebäude Bezug, die am Hafenbecken liegen und über ein Gitter miteinander verbunden sind.

Ihre Architektur scheint mit derjenigen der Parterregebäude übereinzustimmen, die im vorherigen Projekt aufgeführt sind. Ihre Zweckbestimmung steht jedoch in direktem Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Nutzung des Kanals: ein beschleunigter Verkehr und eine Wohnung für den Wächter.

 

Weiterhin ist ein gegenüberliegendes Gebäude, in der Fluchtlinie der heutigen Mauer des Bahnhofs, für die Büros der Kanalverwaltung bestimmt.

In dieser Zeit wird also das heutige Stadtbild in seinen Grundzügen angelegt, wobei sich zwei unterschiedliche Logiken überlagern.